Donnerstag, 2. August 2012

[Rezension] Ellen Berg - Das bisschen Kuchen


Inhalt
Niki, Mitte 40, 98 Kilo schwer, Köchin, eigentlich glücklich verheiratet – traut ihren Augen kaum, als sie ihren Mann mitten auf der Straße dabei beobachtet, wie er mit einer blonden Größe 34 knutscht und beschließt: So kann das nicht weitergehen, jetzt wird abgenommen. Gesagt, getan. Kurzerhand macht sie sich mit der Kreditkarte ihres Mannes auf in eine Fastenklinik in der Schweiz um den Pfunden den Kampf anzusagen und anschließend ihren Mann zurück zu erobern…

Zitate
„Mit einem Schluchzer in der Kehle ging sie an den spiegelnden Schaufenstern vorbei. Sie war fünfundvierzig, und sie war kein schlechter Mensch, aber sie musste zugeben, dass sie aussah wie Moby Dick im Trockendock.“

Fazit
„Das bisschen Kuchen“ ist der zweite Roman der Autorin Ellen Berg. Zugegebenermaßen hätte ich mir diesen Roman wohl niemals gekauft, da mich der Klappentext allerdings neugierig gemacht hatte, machte ich bei einem Gewinnspiel bei Lovelybooks mit und gewann prompt eines der Exemplare. Eines schönen Abends packte mich also die Lust auf dieses Buch und ich begann es zu lesen – und wurde überrascht! Statt eines mäßig lustigen Frauenroman, durch den man sich eben mal so durchquälen muss, hielt ich ein echtes Schmuckstück in den Händen.

Unsere erste Begegnung mit Niki findet in der Umkleidekabine eines bekannten Designer-Labels statt, in der die 45 jährige gerade dabei ist in einem viel zu engen Kleid zu verzweifeln. Bereits diese erste Begegnung lies sie mir äußerst sympathisch erscheinen, konnte ich, als ehemals sehr kräftiger Mensch, ihre Problematik doch mehr als nur ein bisschen nachvollziehen. Die stichelnde – und als ob Gott nicht manchmal schon grausam genug gewesen wäre – auch gertenschlanke Verkäuferin im Nacken verlässt Niki schlussendlich wutschnaubend den Laden und wandert weiter die Straße entlang, wo ihr natürlich als erstes ein Cafe auffällt. Aus lauter Frustration über den misslungenen Einkauf genehmigt sich sie gute dann gleich mal 3 Stück Kuchen, 2 Mandelhörnchen und einen fetten Latte Macchiato, ungeachtet der Tatsache, dass diese Völlerei verantwortlich für das Desaster in der Umkleidekabine ist. Als sie ihren Mann dann kurze Zeit später dabei beobachtet, wie er  mit einer schlanken Blondine auf offener Straße herumknutscht fasst sie einen Entschluss: Es wird Zeit abzunehmen. Zugegeben: Ich bewundere Niki einerseits für ihre gewahrte Fassung, andererseits für den Kämpferwillen, den sie an den Tag legt. Statt ihrem Mann auf offener Straße eine Szene zu machen oder ihn später zur Rede zu stellen, packt sie ihre Sachen und verschwindet sang- und klanglos. Niki begegnet uns also von Anfang an als sympathische Dame in den mittleren Jahren, die im Laufe des Romans ihren Kämpferwillen neu entdeckt und - trotz der Tatsache, dass sie eigentlich abnimmt um ihrem Mann wieder zu gefallen – ganz sie selbst bleibt.  Außerdem muss unsere gute Niki erkennen, dass man mit Vorurteilen manchmal ganz schön falsch liegen kann und dass manchmal gar nicht alles so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Manchmal muss man ein bisschen genauer hinsehen, hinter die Fassade blicken – man könnte eine Überraschung erleben!

Walpurga, die Niki während ihrer Kur kennenlernt, scheint am Anfang eine wahre „Cindy aus Marzahn“ zu sein, entpuppt sich jedoch im Laufe des Romanes als zuverlässige, hilfsbereite und sehr sympathische, wenn auch etwas anstrengende Persönlichkeit. Walpurga ist kein Kleid zu kurz, keine Sünde zu schwerwiegend und kein Kommentar zu unpassend. Walpurga versüßt uns als Lesern dieses Buch auf jegliche Weise und ohne sie würde in diesem Roman einiges an Humor fehlen. Für mich stellt sie eine der wunderbarsten Nebenfiguren in diesem Roman dar, zum einen weil sie Niki so manches Mal aus der Patsche hilft, zum anderen weil sie einen unschlagbaren, unnachahmlichen Charakter zu haben scheint, den man „nach näherem hinsehen“ einfach mögen muss.

Nikis Mann Wolfgang, sowie ihre Tochter Peggy treten mal mehr, mal weniger in Aktion, ich persönlich muss aber von beiden ausnahmslos sagen, dass sie mir sehr unsympathisch aufgefallen sind. Beide wirken egoistisch und falsch zu sein, trauen Niki nichts zu und sind der Ansicht, dass sie nicht über ihr eigenes Leben entscheiden kann, was jedoch ganz und gar nicht der Fall ist.

Alexis, Tamara und Leo, ebenfalls „Bewohner“ der Fastenklinik traten mal mehr mal weniger auf, wobei mir Tamara und Alexis nur sehr schleierhaft im Kopf geblieben sind. Leo war mir von Anfang an sehr sympathisch und ich freute mich über jeden seiner Auftritte.

Insgesamt kann man also folgendes zu diesem Roman sagen: „Das bisschen Kuchen“ strotzt nur so vor Humor, beweist aber trotz alledem ein hohes Maß an Gefühlen und einer Ernsthaftigkeit, wie sie wohl nicht jeder Autor bei solch einem Thema an den Tag legen könnte. Das Thema Übergewicht stellt in unserer Gesellschaft häufig ein eher schwierigeres Thema dar, dicke Menschen fühlen sich oft ungeliebt und werden vermutlich teilweise auch wirklich anders behandelt als normalgewichtige und die meisten haben wohl ohne jeden Zweifel große Probleme damit, dies mit etwas mehr Humor oder Leichtigkeit zu sehen, oder gar zu akzeptieren dass man sie trotzdem liebt, egal wie sie aussehen.

Dieses Buch beweist einmal mehr, dass es nicht immer nur darauf ankommt wie man aussieht, wie viel man auf die Waage bringt oder welche Kleidergröße man besitzt, es vermittelt vielmehr wichtige Werte, zeigt, dass sich auch dickere Menschen in ihrer Haut wohl fühlen können und sich nicht für ihre Figur zu schämen brauchen und genauso geliebt werden, wie jeder andere von uns auch. Ich hoffe sehr, dass diese Rezension nicht missverstanden wird, natürlich muss man sich als korpulenter Mensch nicht zwangsläufig schlecht fühlen – ich für meinen Teil kann nur aus meinem eigenen Erfahrungsschatz sprechen und möchte andere an meinen Gedanken teilhaben lassen – vielleicht hilft es ja dem ein oder anderen doch, eine etwas andere Sichtweise für manche Dinge zu entwickeln.

Wertung: 5 von 5 Sternen!

1 Kommentar:

  1. Der flüssig geschriebene und unterhaltsame Roman ist einfach zum Schlapplachen und strapaziert die Lachmuskeln!

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