Sonntag, 28. Februar 2016

[Blog-Tour] Sonja Bethke-Jehle - Warum ein Buch über Querschnittlähmung?

Wie schon angekündigt stelle ich euch heute ein Interview mit Sonja Bethke-Jehle vor, der Autorin von "Umdrehungen - Das Leben steht still". In diesem Teil der Blog-Tour erörtern wir unter anderem das Thema "Warum ein Buch über Querschnittlähmung?". Ich wünsche euch ganz viel Spaß beim Lesen des Interviews und denkt dran: es gibt auch was tolles zu gewinnen :)



-->Warum ein Buch über Querschnittlähmung? <--
Erzähl mal, wie bist du auf die Idee gekommen?
Da muss ich etwas ausführlicher antworten. Ich wollte vor einigen Jahren am Bahnhof zu meinem Gleis. Der Aufzug war kaputt, aber das hat mich nicht gestört, denn ich nehme immer die Treppe. Ein Rollstuhlfahrer hat mich jedoch angehalten und mich gefragt, ob ich noch einen anderen Weg kennen würde. Ich konnte ihm leider nicht helfen. Mir ist allerdings aufgefallen, dass ich mich extrem komisch verhalten habe. Ich war total unsicher, konnte ihn nicht ansehen und habe mich sehr unbehaglich gefühlt. Glücklicherweise hat er meine Verunsicherung gespürt und ziemlich cool reagiert. Wir sind ins Gespräch gekommen und er hat mir erzählt, dass viele Nichtbehinderte geradezu Angst vor dem Rollstuhl haben und in seiner Anwesenheit fast schon schüchtern reagieren. Ich, erleichtert und plötzlich sicherer, da er so offen mit mir sprach, habe ihm geantwortet, dass ich ebenfalls überfordert war, dass ich aber keine Ahnung habe, woher das kommt. Zuvor habe ich noch nie mit einem Rollstuhlfahrer zu tun gehabt. Trotzdem fand ich es seltsam und sehr traurig, dass ich ihn nicht wie einen normalen Menschen behandeln konnte. Während ich im Zug saß, musste ich ständig an ihn denken und darüber grübeln, was er mir alles für kuriose Dinge erzählt hat, die ihm schon passiert sind.

Und dann hast du dich zuhause hingesetzt und hast losgeschrieben?
Ja, das war meine spontane Reaktion. Das war allerdings vor Jahren. Bis ein Buch daraus geworden ist, ist noch einiges passiert.

Gab es etwa noch ein Ereignis, welches dich so beeinflusst hat?
Seit ich ihm begegnet bin habe ich mehr auf Rollstuhlfahrer und Behinderte geachtet. Ich habe mich für ihr Leben interessiert und mich selber getestet, ob ich immer so bescheuert reagiere. Mit schlimmen chronischen Krankheiten bin ich schon in Berührung gekommen. Mit MS und Rheuma zum Beispiel, nicht jedoch mit Behinderungen – egal ob geistig oder körperlich. Im Zug (das ist jetzt Zufall, dass das schon wieder im Zug passiert ist) bin ich einmal einer Gruppe von tauben jungen Männern begegnet, die gemeinsam einen Ausflug machten. Wir sind recht schnell ins Gespräch gekommen und sie haben mir einige der Zeichen der Gebärdesprache gezeigt. Mit Zettel und Stift habe ich mich schließlich erkundigt nach ihren Erfahrungen im Umgang mit Nichtbehinderten. Sie konnten mir die Beobachtungen des Rollstuhlfahrers bestätigten. Schließlich bin ich auch in Kontakt mit einer blinden Frau gekommen und auch sie hat mir kuriose Storys erzählt. Immer mehr ist in mir der Wunsch gekommen, darüber zu schreiben.

Warum hast du dann letztendlich über einen Querschnittgelähmten geschrieben und nicht über eine taube oder blinde Person?
Ich habe Kurzgeschichten über blinde und taube Personen geschrieben, insbesondere bei einer Geschichte über einen blinden Menschen ist es erheblich schwerer zu schreiben. Man kann den Ort der Handlung nicht mehr über sichtbare Merkmale beschreiben, sondern muss die Umgebung anders lebendig werden lassen. Es fiel mir leichter, mich in einen Querschnittgelähmten reinzuversetzen.

Du hast doch auch das E-Book veröffentlicht „Deine Dunkelheit und meine Stille“, welches kostenlos zur Verfügung steht.
Stimmt, das ist die Kurzgeschichte über Paula und Vince. Sie ist taub, er blind. Das war einer der Versuche, der mir meiner Meinung nach gut gelungen ist. Ich habe versucht die Unterhaltung zweier unterschiedlich gehandicapten Personen zu beschreiben. Doch es waren Ben und Zita, deren Story immer größer wurde.

Hast du den Mann von dem Bahnhof eigentlich je wieder gesehen?
Nein, leider nicht. Ich wünschte, ich könnte ihm erzählen, wie sehr mich dieses Gespräch inspiriert hat und dass sogar ein Buch daraus entstanden ist. Ich kenne auch nicht seinen Namen, sonst hätte ich eine Figur sicherlich nach ihm benannt.

Hattest du während des Entstehunsgprozess noch anderen Kontakt zu Querschnittgelähmten?
Ja, jede Menge. Ich finde, man muss mit den Menschen auch kommunizieren, bevor man versuchen kann, in sie hineinzuschlüpfen. Ich hatte einen sehr lieben Berater, der sehr offen für all meine Fragen war. Wir waren stets in engem E-Mail-Kontakt und haben uns immer besser kennengelernt. Am Ende waren wir uns auch vertraut genug, um über intimere Dinge wie die Sexualität oder das Blasenmangement zu besprechen. Ich wollte nichts beschönigen, den Leuten gleichzeitig aber verdeutlichen, dass meine Figur – Ben – ein normaler Mensch ist, der mitten im Leben steht und Sport macht, eine Freundin hat und mit Freunden ein Bier trinken geht. Mein Berater hat mir häufiger gesagt: Mach aus der Hauptperson unbedingt eine coole Socke. Ich hoffe, mir ist das gelungen.

Gab es auch Rollstuhlfahrer, die dein Vorhaben eher skeptisch gegenüberstanden?
Die gab es ebenfalls. Die meisten haben mir Mut zugesprochen und mir angeboten, ihnen Fragen zu stellen. Die meisten waren interessiert. Doch es gab auch welche, die der Meinung waren, ich könne mich ohne Gehbehinderung nicht in einen gehbehinderten Menschen reinversetzen. Ich sehe es jedoch als mein Job an, wenn ich mich Autorin nenne. Das gehört dazu. Ich muss mich ständig in andere Menschen hineinversetzen. Krimiautoren schreiben sogar manchmal aus der Sicht eines Mörders. Diese Skepzis hat mich meist sehr irritiert, denn genau das war ja das, gegen das ich ankämpfen möchte: Diese enorme Differenz zwischen Behinderten und Nichtbehinderten.

Welche Ratschläge haben dir andere Rollstuhlfahrer gegeben, die dem nicht so skeptisch gegenüberstanden?
Einem war es zum Beispiel wichtig, dass Ben einen modernen Rollstuhl fährt. In den Medien sitzen Querschnittgelähmten häufig in diesen Omakisten. Mit diesem Klitschee sollte ich aufräumen. Habe ich auch gemacht. Ben hat einen sehr coolen Aktivrollstuhl, der ihm viel Bewegungsfreiheit verleiht. Vielen war es wichtig, dass ich nichts verharmlosen, anderen war es wichtig, dass ich es nicht zu dramatisere, weil sie befürchten, dass die Menschen ansonsten Mitleid mit Ben haben. Ich denke, ich habe ein gutes Gleichgewicht gefunden. Eine Frau riet mir, auch das Thema Sex nicht auszulassen.

Wenn du den Mann vom Bahnhof erneut treffen würdest, würdest du dann anders reagieren?
Auf jeden Fall! Meine Verunsicherung ist komplett verschwunden. Das ist ja nur ein Rollstuhl, nichts, was einem Angst machen müsste. Wenn jemand unsere Hilfe benötigt, wird er es im Übrigen schon sagen. Wir müssen uns nicht aufdrängen, sondern stattdessen so reagieren, wie wir es uns auch von unseren Mitmenschen wünschen. Es wäre schön, wenn die Leser meines Buches natürlicher mit den Themen umgehen könnten. Wenn ich das geschafft habe, dann bin ich wirklich sehr glücklich.


***Gewinnspielablauf***
Es gibt insgesamt jeweils ein E-Book und ein Printexemplar zu dem ersten Teil  „Umdrehungen – Das Leben steht still“ und zu dem zweiten Teil „Umdrehungen – Das Leben geht weiter“ zu gewinnen. Bitte schreibt in euren Kommentaren, ob ihr den ersten Teil schon kennt und Interesse an dem zweiten Teil habt oder ob ihr den ersten Teil noch nicht kennt und bevorzugt diesen gewinnen wollt. Außerdem wäre es auch gut zu wissen, ob ihr bei der Verlosung bei den Printbüchern und/oder den E-Books teilnehmen möchtete. Die Chancen erhöhen sich natürlich, wenn ihr in beide Lostöpfe hüpft. Macht einfach auf allen Blogs mit, dadurch erhöht sich eure Gewinnschance nochmal.
Mitmachen ist ganz einfach: Besucht unsere Blogs und kommentiert den Blogtourbeitrag in dem Zeitraum der Blogtour und beantwortet dort die Fragen. Je mehr Fragen ihr beantwortet, desto mehr Lose mit euren Namen sind im Loskopf. Hinterlasst sowohl Name als auch eine E-Mailadresse, damit die Autorin euch am Ende im Gewinnfall kontaktieren kann.
Sowohl alle Bloggerinnen als auch die Autorin freuen sich auf eure Teilnahmen, Antworten und Beiträge. Wir stehen für Fragen zur Verfügung.

Die heutige Frage lautet: 

Ist euch die Scheu, die die Autorin anspricht, bekannt? Falls ja, glaubt ihr, es könnte euch helfen, mehr über das Thema zu hören und zu lesen?

Kommentare:

  1. Name: Anik Heinrich
    E-Mail: Anik-Schnatterzahn@t-online.de
    Ich kenne den ersten Teil bereits und hätte Interesse an den zweiten Teil "Umdrehungen- Das Leben geht weiter". Den zweiten Teil hätte ich gerne als Print Exemplar.

    Dieses Interview war von allen bisherigen mit das Beste. :)

    Es ist wirklich erstaunlich, wie viel man recherchieren muss und auch mit wie vielen Menschen Frau Bethke-Jehle Kontakt hatte, bevor sie dieses Buch geschrieben hat.
    Man denkt ja immer, solche Informationen muss man sich aus Wikipedia ziehen. Aber man kann dann doch die Menschen persönlich drauf ansprechen.

    Zu der Frage:

    Ich selber kenne diese Scheu.
    Bei Menschen mit Behinderung weiß ich immer nicht, ob ich sie anschauen soll oder nicht. Wenn man sie nicht anschaut, könnte der Betroffene denken, dass ich nichts mit ihm zu tun haben will.

    Wenn ich ihn anschaue, habe ich Angst dass das dann als Starren interpretiert wird.

    Also geht man lieber gleich weg.

    Ich glaube, diese Scheu haben wir alle, weil es uns einfach selber auch betrifft. Man sieht dieses „Leid“ und gerade der Mensch ist ja ein Wesen, welches die Augen sehr schnell vor „Leid“ verschließen will und nichts damit zu tun haben will.

    So nach dem Motto, ich bin nicht behindert, mich geht das also nichts an.

    Die Freundin meiner Oma ist blind und ich habe gemerkt, dass, wenn man höflich fragt, man sehr viel von solchen Menschen lernen kann, wie sie leben. Die gute Frau war total offen, selbstkritisch und auch humorvoll, auch was sich selber angeht.
    Hat auch erzählt, wie sie manchmal über sich selber lachen muss, wenn sie etwas verwechselt.

    Ich habe gemerkt, dass man sehr gut mit solchen Menschen reden kann, wenn man auf sie zugeht.
    Da ich selber Hörbehindert bin, habe ich auch die Erfahrung gemacht, wie sehr Menschen sich ändern.

    Manchen merkt man das Interesse förmlich an, aber auch dass sie dann Angst haben, zu viel Interesse zu zeigen.

    Andere sind total freundlich und offen und dann sage ich, dass ich hörbehindert bin.

    Dann sind manche verunsichert und andere baff. Eben weil meine Hörgeräte sehr unscheinbar sind und man sie nicht von weitem sieht wie bei einem Rollstuhl wo man sofort weiß was los ist.

    Und wieder andere haben plötzlich Mitleid. Das ist wirklich das Schlimmste, was man erfahren kann, wenn alle dann heulen müssen. Da tut man sich selber leid und das zieht echt runter.

    Man weiß ja selber wie es einem geht und das muss dann nicht noch unbedingt irgendwie noch deutlicher werden.

    Also das Verhalten der Menschen nach so einem „Outing“ hat sich verändert. Aber es gibt auch viele, bei denen bin ich danach immer noch dieselbe wie vorher.

    Ich glaube, um diese Scheu abzubauen muss man auch auf die Menschen zugehen. Bücher, Filme usw. sind immer Ansichtssache und können die Erfahrungen manchmal nicht richtig oder zu verfälscht herüberbringen. Es ist nie die Realität außer der Schauspieler ist selber gehandicapt.

    Aber sie können dem „gesunden Menschen“ die Behinderung näher bringen.

    Aber das aktive drauf zu gehen und das abbauen der Scheu, das muss von jedem selbst kommen. Und man sollte einfach mal selber bleiben und sich nicht verstellen. Das merkt man nämlich. Nur so als kleiner Tipp. ; )

    AntwortenLöschen
  2. Danke und viel Glück beim Verlosen :D

    AntwortenLöschen
  3. Also ich habe den ersten Teil schon gelesen und ich fand es toll, dass einem dadurch die Querschnittlähmung näher gebracht wird. Und einem verständlich gemacht wird, dass es auch nur Menschen sind. Ich wäre mehr an der Printausgabe interessiert, auch wegen der optischen Wirkung der Cover.

    Das unbeholfene Verhalten, die Scheu kenne ich sehr gut. Allgemein bin ich mehr der introvertierte Typ und tue mir schwer Kontakte zu schließen. Und ich finde es eigentlich schade, weil es so viele interessante Weltansichten gibt und man viel lernen kann von Menschen, die mit Behinderungen leben. Besonders, weil es einem hilft seine eigenen Fähigkeiten nicht so selbstverständlich zu sehen.

    Dass die Autorin sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt hat und nicht nur die Infos auch Wikipedia bezogen hat, merkt man meiner Meinung nach deutlich beim Leben und dafür alleine bewundere ich das Werk schon!

    lg Petra

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke Petra und viel Erfolg bei der Verlosung :)

      Löschen