Donnerstag, 11. Februar 2016

[Fachbuch-Rezension] Judith Sinzig - Frühkindlicher Autismus


Inhalt
Die WHO beschreibt Autismus als tiefgreifende Entwicklungsstörung. Sie zeigt sich in vielen verschiedenen Ausprägungen, so dass diagnostische Kriterien nicht immer eindeutig zuzuordnen sind. Die Autorin bringt mit dieser praxisorientierten und wissenschaftlich fundierten Darstellung Klarheit in die Begriffsverwirrung um autistische Störungen. Der Band erscheint in der Reihe „Manuale psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen“. Sie steht für einen interdisziplinären Ansatz: Therapeuten sind aufgefordert, über den Tellerrand zu blicken. (Kurzbeschreibung von www.amazon.de)

Infos zum Buch 
Seitenzahl:  144 Seiten

Verlag: Springer Verlag
Preis: 39,99 € (Gebundene Ausgabe) / 14,99€ (Ebook)

Wieso wollte ich ausgerechnet ein Fachbuch über Frühkindlichen Autismus lesen?
Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, arbeite ich seit Anfang Dezember (2015) als Physiotherapeutin in einem Therapeutischen Kinderzentrum. Dort begegnen mir nicht nur Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Gendefekten, Mehrfach- und Schwerstbehinderungen, etc. sondern eben auch Kinder mit psychischen Beeinträchtigungen. Da ich der Meinung bin, dass man in einer solchen Einrichtung nicht nur seine eigene Suppe kochen, sondern auch einmal über den Tellerrand hinausschauen sollte, lese/bearbeite ich immer wieder gerne  diverse Fachbücher (auch anderer Berufsgruppen), denn diese Form der Weiterbildung kann nur helfen, in seinem Beruf besser voranzukommen bzw. eine bessere Therapie für die Kinder/Patienten zu gewährleisten.  



Gliederung 
Schlägt man das Buch auf, entdeckt man das Inhaltsverzeichnis mit einer Gliederung in 8 größere Kapitel mit jeweils einigen kleinen Unterkapiteln: 

1. Ein Blick zurück: Zur Geschichte des frühkindlichen Autismus
2. Worum es geht: Definition, Klassifikation und Epidemiologie
3. Was erklärbar ist: Ätiologie und Entwicklungspsychopatholgie
4. Der Blick auf das besondere: Störungsspezifische Diagnostik
5. Unterscheiden ist wichtig: Differentialdiagnose und multiaxiale Bewertung
6. Was zu tun ist: Interventionen
7. Der Blick voraus: Verlauf und Prognose
8. Was wir nicht wissen: Offene Fragen

Ich persönlich finde diese Gliederung sehr sinnig und besonders die kurzen "Beschreibungen" der Kategorien (z.B. Worum es geht, etc) find ich sehr gut, denn sie erklären in aller Kürze, was uns in dem Kapitel erwarten wird und erleichtern die Suche, wenn man etwas nachschlagen möchte. 

Fazit zu Kapitel 1: Ein Blick zurück: Zur Geschichte des frühkindlichen Autismus
Kapitel 1 erzählt uns ein wenig über die Geschichte des Autismus und erklärt uns, dass Autismus schon recht früh bemerkt, aber nicht als solcher erkannt wurde. Früher nahm man sogar an, dass Autismus eine früher Form der Schizophrenie sei, eine Tatsache, die ich überaus interessant finde! Auch die Theorien zur Entstehung von Autismus, die früher vorherrschten, sind äußerst spannend, wenn auch nicht minder an den Haaren herbeigezogen. 


Verschiedene Erkrankungen, die dem Symptombild des Autismus ähneln, werden hier ebenfalls beschrieben und genauer differenziert, was recht spannend ist - besonders, wenn man die anderen Erkrankungen bisher gar nicht kannte.  

In einer sehr übersichtlichen Tabelle wird die historische Entwicklung des Störungsbildes noch einmal aufgegriffen und detailliert dargestellt, mit der Jahreszahl, dem "Entdecker" und der jeweiligen Beschreibung. 



Fazit zu Kapitel 2. Worum es geht: Definition, Klassifikation und Epidemiologie
Kapitel 2 beschreibt uns zuerst in aller Deutlichkeit, worum es sich beim frühkindlichen Autismus überhaupt handelt und definiert anhand einfacher Beschreibungen das komplexe Störungsbild. Außerdem findet eine Klassifizierung nach dem ICD Code statt.

Äußerst hilfreich für die Behandlung von Kindern mit frühkindlichem Autismus und ähnlichen Formen/Störungsbildern (Rett-Syndrom, Frühkindlicher und atypischer Autismus, Asperger-Syndrom, etc.) fand ich die Liste der Leitsymptome, denn oftmals behandelt man solche Kinder und ist unsicher, welche Symptome auf den Autismus zurückzuführen sind und welche nicht. Eine Tabelle mit diagnostischen Kriterien erleichtert das finden und man muss nicht immer auf den Fließtext zurückgreifen, wenn man nach bestimmten Anhaltspunkten sucht. Besonders interessant fand ich hier die spezifische Unterscheidung zwischen dem Asperger-Syndrom und einem frühkindlichen Autismus. 

Einer Tabelle zum Geschlechterverhältnis bei tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gibt Auskunft und überraschte mich mit der Tatsache, dass Jungen (bis auf das Rett-Syndrom, was nur Mädchen betrifft) deutlich häufiger betroffen sind, als Mädchen. Eine Tatsache, die mir bis dato nicht bewusst war. 

Die Beschreibung und Erläuterung der Schweregradeinteilung empfand ich ebenfalls als recht interessant, wenn auch nicht zwangsläufig einfach. 


Am interessantesten an diesem Kapitel fand ich wohl den Teil über die Sondergruppen, der die Thematik behandelt, ob alle autistischen Kinder auch eine Intelligenzminderung vorweisen, sowie einige Worte zum Thema Sprachdefizite. Da ich viel mit autistischen Kindern arbeite, konnte ich besonders diese beiden Punkte gedanklich gut auf "meine" Kinder beziehen und so eine bessere Verknüpfung herstellen. 

Zum Schluss des Kapitels erfahren wir schließlich etwas Über die  Ausschlussdiagnostik - also darüber, dass Autismus nur dann diagnostiziert werden kann, wenn alle anderen tiefgreifenden Entwicklungsstörungen ausgeschlossen werden können.  

Fazit zu Kapitel 3. Was erklärbar ist: Ätiologie und Entwicklungspsychopatholgie
Dieses Kapitel empfand ich persönlich als recht spannend, sowie lehrreich, denn hier werden sowohl genetische Faktoren, beteiligte Neurotransmittersysteme, als auch bildgebende, neuropsychologische und neurophysiologische Befunde besprochen und mit dem Krankheitsbild verknüpft. Auch prä- und perinatale Befunde werden besprochen, aber nur mit einigen wenigen Sätzen bedacht. Als Therapeut sind solche Zusatzinformationen unabdingbar, denn gerade bei Eitergesprächen sind solche Informationen sehr nützlich. 

Fazit zu Kapitel 4. Der Blick auf das besondere: Störungsspezifische Diagnostik
Kapitel 4 führt uns ein wenig ein, in die Symptomatik, sowie die störungsspezifische Entwicklungsgeschichte, Komorbiditäten, Begleitstörungen, störungsrelevante Rahmenbedingungen und beschreibt uns einiges zum Thema Diagnostik. Auch wenn ich, als Physiotherapeutin, keine Diagnosen stellen darf und mich dementsprechend auch nicht weiter damit befasst habe, empfand ich dieses Kapitel als sehr interessant und Aufschlussreich, da es wichtige Zusatzinformationen bietet, die für den Elternkontakt durchaus von Vorteil sein können. Besonders gelungen fand ich hier eine Tabelle, die das kindliche Spielverhalten aufgegliedert in Alter, Phasen, Inhalt, Besonderheiten beim frühkindlichen Autismus, sowie einem Beispiel zeigt. 
(c) by Springer, S. 48
Fazit zu Kapitel 5. Unterscheiden ist wichtig: Differentialdiagnose und multiaxiale Bewertung
In diesem Kapitel können wir uns, unter anderem, recht deutlich in das 6-achsige, mehrdimensionale Modell der Beschreibungen psychischer Störungen im Kinder- und Jugendalter einlesen. Was auf den ersten Blick kompliziert klingt, ist eigentlich ganz einfach, denn auf den verschiedenen Achsen befindet sich, kurz erklärt, solche Faktoren wie Hauptdiagnose, umschriebene Entwicklungsstörungen, der intellektuellen Leistungsfähigkeit, etc. und so gliedert sich das ganze logisch in ein mehrdimensionales Modell. Eine Tabelle verdeutlicht das ganze noch etwas mehr und beseitigt auch kleinere Unklarheiten schnell. Außerdem beschreibt Kapitel 5 noch einiges zum Thema Abgrenzungen von psychischen und Entwicklungsstörungen, sowie innerhalb des Autismus-Spektrums. Wie auch das Kapitel zuvor ist dies nicht wirklich relevant für mein Berufsbild, dennoch empfand ich es als sehr interessant und aufschlussreich. 

Fazit zu Kapitel 6. Was zu tun ist: Interventionen
Dieses Kapitel fand ich besonders interessant, denn in unserer Einrichtung versuchen Pädagogen und Therapeuten nicht nur Hand in Hand zu arbeiten, sondern sich dementsprechend auch gegenseitig über diverse Maßnahmen und Therapiemethoden zu informieren. Dennoch ist man in aller Regel nur sehr oberflächlich über die Methoden der anderen informiert, weswegen dieses Kapitel viele hilfreiche und aufschlussreiche Informationen verschiedener Methodik bietet. Auch die Verhaltenstherapeutischen Ansätze empfand ich als sehr interessant. 

Fazit zu Kapitel 7. Der Blick voraus: Verlauf und Prognose
Der Blick voraus - wie verläuft eigentlich frühkindlicher Autismus, bis ins Erwachsenenalter? Kapitel 7 beschreibt nicht nur den Verlauf der Symptomatik, sondern beurteilt auch die Prognostischen Faktoren und Beurteilung verschiedener Umstände (Klomorbidität, etc). Auch die Themen Mortalität und Lebensqualität wird nicht ausgelassen, was ich persönlich gerade für die Beratung der Eltern und diverse Fragen sehr hilfreich finde. 

Fazit zu Kapitel 8. Was wir nicht wissen: Offene Fragen
Kapitel 8 fasst noch einmal alle Offenen bzw. ungeklärten Punkte des Frühkindlichen Autismus auf, beispielsweise die biologische Pathogenese oder die Diagnostik betreffend. An sich ist dieses Kapitel abschließend noch einmal recht interessant, zeigt aber ebenfalls auf, dass viele Dinge im Bereich des Autismus noch nicht ausreichend erforscht sind. 

Gesamtfazit
Insgesamt muss gesagt werden, dass dieses Buch weniger für Physiotherapeuten geeignet ist, die sich eine Hilfe zur eigentlichen Therapie erhoffen, da dieses Fachbuch nicht für unser Berufsfeld konzipiert wurde und wir meiner Ansicht nach somit auch keine großartigen Therapievorschläge erwarten können. Was die Hintergrundinformation angeht, so kann ich dieses Buch nur ganz klar empfehlen, denn gerade für Therapeuten - oder auch Pädagogen, die mit derart "betroffenen" Kindern arbeiten, klären sich hier viele Fragen und so manche Therapiesituation kann nun möglicherweise anders abgehalten werden - weil man sich etwas mehr mit der Thematik beschäftigt hat und nun mehr auf das entsprechende Kind eingehen kann. Die Erklärungen und Beschreibungen waren stets gut verständlich formuliert, sodass zu keinem Zeitpunkt Unklarheiten blieben. Für Eltern empfinde ich dieses Buch als weniger sinnvoll, außer für jene, die sich genauestens in die Thematik einlesen möchten und keine Mühen scheuen. Insgesamt kann ich diesen Buch wirklich nur empfehlen und vergebe daher 

Wertung: 5 von 5 Sterne!


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